FILMPRODUKTION (3) - DREHBUCH: FEHLEN VON MOMENTUM & SUBTEXT

Datum: 01. Februar 2011 --- Autor: Daniel Kosig (Regie & Postproduktion)

Gehen wir weiter auf unserem Weg, die nicht ganz so gut geratenen Passagen eines Drehbuchs zu finden, um diese zu verändern und damit die gesamte Qualität einer geplanten Filmproduktion deutlich nach oben treiben zu können. Wenn Sie die ersten beiden Teile noch einmal lesen möchten oder dies noch nicht getan haben, können Sie es hier nachholen:

Filmproduktion (1) - Das Drehbuch, die Spitze des Eisbergs
Filmproduktion (2) - Drehbuch: Redundanz & mangelnde Homogenität

Fehlendes Momentum

Ein weiteres Problem, das sich kritisch auf die dramaturgische Qualität einer Filmproduktion auswirken kann, ist fehlendes Momentum. Was bedeutet das? Wenn aus einem vorangegangenen Ereignis Konsequenzen entstehen, die einen Charakter zu einer Handlung treiben oder seine Umwelt beeinflussen, und der dabei bestehende Zusammenhang aus Ursache und Wirkung als zwingend wahrgenommen wird, spricht man vom "Momentum" der Geschichte. Vereinfacht ausgedrückt geht es um die innere Logik des Drehbuchs. Ein Ereignis (bzw. eine Szene) erzwingt das, was darauf folgt - im besten Fall, ohne dabei vorhersehbar zu werden. Fehlendes Momentum liegt vor, wenn die Szenen untereinander unzureichend in ihrer Kausalität verknüpft sind oder wenn diese Verknüpfung durch unglaubwürdige Handlungen geschwächt wird. Genau genommen handelt es sich bei letzterem zwar um ein Problem mit dem Charakter-Bogen einer Figur (also dem Zusammenhang ihrer Motivation, ihres Ziels und ihrer Taten), dennoch wirkt sich dies aber direkt auf das Momentum aus, da es die Zuschauer aus dem Fluss der Handlung wirft.

Wenn die Protagonistin ihren geliebten Ehemann im Bett mit seiner Affäre erwischt, daraufhin nur ein bisschen enttäuscht ist und in der nächsten Szene entspannt einen Kaffee trinken geht, wirkt das Geschehen auf uns unglaubwürdig und wir fragen uns, warum sie sich so verhält. Wenn sie voller Wut ihre Nebenbuhlerin angreift, von dieser in Notwehr versehentlich getötet wird und der Ehemann nun vor dem Problem steht, entweder die Leiche verstecken zu müssen oder seine Geliebte an die Polizei zu verraten, sind wir gefesselt. Nicht nur, weil ein Mord meistens der spannendere Ausgangspunkt für eine Filmproduktion ist, als eine etwas enttäuschte Miene der Ehefrau. Sondern weil wir dem Film glauben, dass die Ehefrau so wütend und verletzt war, dass sie einfach angreifen musste. Weil wir glauben, dass die Geliebte nicht anders konnte, als sich in dieser Extremsituation zu verteidigen und dabei im schlimmsten Fall auch jemand umkommen kann. Weil wir glauben, dass die daraus entstehende Entscheidung für den erwischten Ehemann unglaublich schwer sein muss. Das Momentum überträgt sich auf die nächste Szene, die darauf aufbauend erzählt, wie die beiden Überlebenden versuchen, die Leiche an einem geheimen Ort zu verstecken. Die menschlichen Reaktionen bleiben für uns nachvollziehbar und die Spannung steigt. Auch wenn die Situation so ungewöhnlich ist, dass wir sie nie selbst erlebt haben.

Einen so groben Fehler, wie die unglaubwürdig milde Reaktion der oben beschriebenen Ehefrau, würden vermutlich die wenigsten Autoren machen. Fehlendes Momentum kann sich allerdings auch sehr viel unauffälliger in das Drehbuch einer Filmproduktion einschleichen. Besonders dann, wenn wir die Geschichte in eine bestimmte Richtung zwingen wollen.

Beispiel: Wir haben uns für eine Love Story mit Happy End entschieden und uns Gedanken um die Grundzüge der Geschichte gemacht. Danach haben wir die Charaktere mit Leben erfüllt, indem sie ihre eigenen Eigenschaften, ein spezielles Aussehen und eine unverwechselbare Lebensgeschichte mit prägenden Erfahrungen zugesprochen bekommen. Schnell kann es passieren, dass diese so sorgfältig entworfenen Charaktere eine eigene Dynamik entwickeln. Was, wenn sich der weibliche Part bei Verletzungen schnell zurückzieht und der männliche Part auf unangenehme Situationen mit Jähzorn reagiert? Klar, zum Höhepunkt des Films muss es noch einen großen Streit geben, der das Publikum bangen lässt, ob das Paar jemals zusammen finden wird. Wird das daraus entstehende Happy End noch glaubwürdig wirken, obwohl die Charaktere zuvor so unkonstruktiv mit ihren Auseinandersetzungen umgegangen sind?

Wenn wir Zweifel verspüren, gibt es nur zwei Konsequenzen: Entweder das Happy End wird verworfen und in einen etwas unsicheren Neuanfang der beiden Protagonisten verwandelt oder die Charaktere müssen in ihren Eigenschaften überarbeitet werden - und damit auch alle Verhaltensweisen, die sie im Laufe der Geschichte an den Tag legen. Andernfalls begeben wir uns in die Gefahr, dass das Publikum zum Ende hin die Sympathie für das gezeigte Paar und damit sehr wahrscheinlich auch für die gesamte Filmproduktion verliert.

Fehlender Subtext

Das Fehlen von Subtext ist ein Problem, das einem ungeübten Leser nicht sofort ins Auge stechen wird, wenn er versucht, die Qualität eines Drehbuchs zu bewerten. Es ist nicht offensichtlich, dass etwas fehlt. Vielmehr wird das, was eigentlich unter der Oberfläche versteckt sein sollte, zu deutlich nach außen getragen. Um noch einmal zu dem Beispiel mit dem Eisberg zurückzukommen: Es ist, als würden 90 Prozent des Eisbergs über der Wasseroberfläche schweben, während er unten nur mit einer kleinen Spitze im Wasser verhaftet bleibt. Was beim Eisberg schon unglaubwürdig klingt, ist es auch beim Schreiben für eine Filmproduktion. Es gibt einer Geschichte mehr Stabilität und Bedeutung, wenn der Zuschauer einiges zwischen den Zeilen "lesen" muss. Nicht jeder Gedanke, den man zum Thema eines Films hat, sollte klar und wörtlich ausgedrückt werden, nicht jeder Sachverhalt muss bis ins kleinste Detail geschildert sein, um verständlich zu wirken. Vieles sollte einfach nur angedeutet oder als Aussage in den Bildern des Films transportiert werden, ohne das Publikum mit der Nase darauf zu stoßen.

Besonders kritisch kann sich fehlender Subtext in Dialogen auswirken. Es widerspricht unserer Lebenserfahrung, dass die Menschen immer genau das sagen, was sie in diesem Augenblick denken und fühlen. Jeder von uns schwächt Gesagtes ab, um andere nicht zu verletzen, übertreibt Dinge, um sie besonders hervorzuheben, oder spricht über Themen, die nichts mit unseren momentanen Gedanken zu tun haben, weil wir unsere wahren Gefühle nicht offenbaren wollen, um uns nicht verletzbar zu machen. Zudem Dialog mit fehlendem Subtext die Chance verschenkt, Spannung zu erzeugen und die Zuschauer ins Geschehen zu involvieren, indem sie beständig deuten müssen, was in den Charakteren vor sich geht, statt es genau erklärt zu bekommen.

Ein Beispiel: Eine Ehefrau hat zu Hause Essen gekocht und möchte mit ihrem Mann einen schönen Abend verbringen. Dieser verspätet sich jedoch um mehrere Stunden und die liebevoll zubereitete Mahlzeit ist längst kalt.

Ohne Subtext klänge ihr Gespräch in etwa folgendermaßen:

Frau: "Ich hab mir solche Mühe mit dem Essen gemacht, Du hättest Dich wenigstens mal melden können. Jetzt ist alles kalt. Herrgott nochmal, manchmal regst Du mich wirklich auf."
Der Mann setzt sich an den Tisch.
Mann: "Tut mir leid... Ich muss Dir was sagen... Ich war wieder in der Spielhalle. Irgendwie schaffe ich es nicht, davon loszukommen. Deshalb habe ich mich nicht gemeldet. Ich wusste doch genau, dass Du deswegen wieder einen Streit vom Zaun brichst."

Zum Vergleich die selbe Situation mit Subtext:

Frau (tonlos): "Das Essen ist fertig."
Der Mann setzt sich an den Tisch und kaut auf dem kalten Gericht herum, das ihm offensichtlich nicht wirklich schmeckt.
Mann: "Tut gut, was in den Magen zu bekommen. Sehr lecker, Schatz."
Die Miene seiner Frau verhärtet sich.
Frau: "Es schmeckt Dir also, ja? Hattest bestimmt einen anstrengenden Tag?"
Mann: "Überstunden. Mal wieder. Bin auch schon ziemlich müde, ich glaub, ich schmeiß mich gleich ins Bett."
Frau: "Lass uns doch noch ein bisschen sitzen bleiben. Ist so ein schöner Abend."

Es sollte deutlich sein, dass der Dialog ohne Subtext keine Spannung entstehen lässt, vielmehr wird eine solche Filmproduktion zu einer sachlichen Schilderung der Vorgänge in der Ehe der beiden Protagonisten. Der Zuschauer wird vollständig aufgeklärt und es bleiben keine Fragen, die er sich stellen kann und deren Auflösung ihn interessieren würde.

In der Version mit Subtext sieht es anders aus. Die Unterschiede zwischen dem Gesagten und der Körpersprache erzeugen Spannung. Wir spüren, dass sich ein Konflikt anbahnt. Wir warten gespannt darauf, wann er ausbrechen wird. Wir beschäftigen uns gedanklich mit dem Geschehen und entlarven die Aussagen des Mannes, dem das Essen gar nicht schmeckt und der nur einem Streit bzw. einem Geständnis seinerseits aus dem Weg gehen will. Wir merken, dass die Bemerkungen der Frau nicht so harmlos sind, wie sie scheinen, sondern gezielte Stiche in die Abwehrhaltung des Mannes, mit denen sie aufdecken will, was er an dem Abend wirklich getrieben hat, ohne schlecht dazustehen, falls sie sich in ihrem Verdacht irrt. Ganz einfach gesagt: Die Filmproduktion involviert und fesselt uns.

Nachdem wir uns nun so ausgiebig Gedanken um die Fehler gemacht haben, die es beim Schreiben eines Drehbuchs zu vermeiden gilt, werden wir als nächstes überlegen, wie man einem bestehenden Werk den nötigen Feinschliff verpasst.

Zu lesen gibt es das Ganze im vierten Teil:

Filmproduktion (4) - Den dramaturgischen Aufbau überprüfen


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