FILMPRODUKTION (4) - DEN DRAMATURGISCHEN AUFBAU ÜBERPRÜFEN

Datum: 07. Februar 2011 --- Autor: Daniel Kosig (Regie & Postproduktion)

Nachdem wir uns in den vorangegangenen Teilen dieser Artikelreihe Gedanken darum gemacht haben, welche Fehler beim Drehbuch Schreiben vermieden werden sollten, können wir nun zum Feinschliff unseres Werkes übergehen. Ein Buch mit stimmiger Dramaturgie und einer interessanten Grundidee, das den besprochenen Fehlern aus dem Weg geht, kann mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits als nicht schlecht oder sogar gut bezeichnet werden. Finden wir nun heraus, wie aus diesem "gut" ein "sehr gut" wird. Wenn Sie die bisherigen Teile noch einmal lesen möchten oder dies noch nicht getan haben, können Sie es hier nachholen:

Filmproduktion (1) - Das Drehbuch, die Spitze des Eisbergs
Filmproduktion (2) - Drehbuch: Redundanz & mangelnde Homogenität
Filmproduktion (3) - Drehbuch: Fehlen von Momentum & Subtext

Die drei Akte: Nicht immer ein Zwang, aber immer hilfreich

Bisher habe ich nur von "stimmiger Dramaturgie" geschrieben, ohne dies näher zu erklären. Das hat zwei Gründe: Erstens gehe ich davon aus, dass die Personen, die sich für eine Artikelreihe über das Schreiben von Drehbüchern interessieren, wissen, was eine Drei-Akt-Struktur ist. Zweitens ist diese Struktur zumindest im Bereich des Kurzfilms nicht immer zwingend nötig, um eine effektive Dramaturgie zu entwickeln. Da ich mich aber nicht nur auf Kurzfilme beziehen möchte und noch dazu überzeugt bin, dass der Aufbau in drei Akten zwar nicht das einzige Mittel zum Erfolg ist, er ein Drehbuch und damit die Filmproduktion als Ganzes im Großteil aller Fälle aber eher verbessern als verschlechtern wird, sollte man auch bei einer anderen und dennoch gelungenen Struktur überlegen, ob die Verwendung des seit ewigen Zeiten etablierten Drei-Akt-Systems nicht vielleicht doch Sinn macht. Hier nochmal eine kleine Erklärung diesbezüglich, die bei beim Überprüfen der Struktur weiterhelfen kann:

Der erste Akt ist die recht kurz gehaltene Exposition. Hier werden die Charaktere vorgestellt und die Grundfrage des Films, um deren Auflösung es am Ende geht, formuliert. In der Exposition gilt es, den "Anstoß" für die Geschichte zu finden. Dieser Anstoß ist es, was den Protagonisten vor ein Problem stellt, dessen er sich annehmen muss. Es besteht also meistens ein direkter Zusammenhang zur Grundfrage des Films. (Ein einfaches Beispiel: In einem Krimi ist der Anstoß oft ein Mord, die zentrale Frage heißt dann "Werden sie den Mörder finden"). Ein kleiner Tipp noch für die Gestaltung der Exposition: Es macht Sinn, mit einem Bild anzufangen, statt direkt mit einer Dialogsituation. Ein Bild kann uns sehr viel schneller auf das Thema der Filmproduktion und ihren Grundton einstimmen und weckt eher Emotionen, als es ein Gespräch könnte.

Der erste Wendepunkt leitet uns dann in den zweiten Akt über, der auch Konfrontation genannt wird. Wendepunkte machen sich vor allem dadurch deutlich, dass sie die Handlung in eine neue Richtung treiben (oft auch in ein neues Umfeld), dass sie das Risiko für den Protagonisten erhöhen (beispielsweise die Entscheidung, die Ermittlungen in einem Mordfall zu übernehmen) und dass durch sie die Grundfrage noch einmal aufgeworfen wird. In der Konfrontation, die den Großteil der Geschichte darstellt, wird nun versucht, das entstandene Problem zu lösen, was oft mit Rückschlägen, neuen Erkenntnissen über die Geschichte und die Charaktere, sowie mit wichtigen Teilen der Vorgeschichte verbunden wird. Der später gesetzte, zweite Wendepunkt treibt die Handlung schließlich in ihre Klimax, das große Finale wird unausweichlich und die Handlung noch einmal beschleunigt. Das Risiko für den Protagonisten wird ein weiteres Mal erhöht.

Nach der Klimax geht der Film in den kurzen dritten Akt über, den man Auflösung nennt. Hier kann man die Antwort auf offene Fragen geben und es können die Auswirkungen der Geschehnisse auf den Protagonisten und seine Umwelt gezeigt oder ein kleiner Ausblick in die Zukunft gegeben werden.

Diese Struktur sollten wir abschließend zumindest noch auf zwei Dinge überprüfen:

1. Treibt jede Szene auf den Höhepunkt zu? Stößt sie etwas an, oder gibt sie Andeutungen auf etwas, das später noch eine entscheidende Rolle spielen wird (beispielsweise, indem sie wichtige Charaktereigenschaften der handelnden Personen zeigt)? Wenn nicht, besteht die Gefahr, dass die Szene vom Publikum als belanglos und langweilig aufgenommen wird.

2. Wie genau erhöht sich das Risiko für den Protagonisten? Man spricht hier auch vom Steigern der Fallhöhe. Die Fallhöhe hängt direkt mit den menschlichen Grundbedürfnissen zusammen, mit denen sich jeder Zuschauer identifizieren kann. Nach dem namhaften Psychologen Abraham Maslowe lauten diese folgendermaßen:

   A) Überleben
   B) Sicherheit und Geborgenheit
   C) Liebe und Zugehörigkeit
   D) Respekt von anderen und Selbstachtung
   E) Das Bedürfnis, Dinge zu wissen und zu verstehen
   F) Das Streben nach Schönheit (im ästhetischen oder auch spirituellen Sinn)
   G) Selbstverwirklichung (Talente und Fähigkeiten entfalten)

Eine Steigerung der Fallhöhe erfolgt also dann, wenn eine Bedrohung für eines oder mehrere dieser Bedürfnisse entsteht oder eine bereits vorhandene Bedrohung verstärkt wird.

Aufeinandertreffen von Haupt- und Nebenhandlung

Gerade wenn man an einem Drehbuch für eine Filmproduktion arbeitet, die länger als ein paar Minuten dauert, ist es wahrscheinlich, dass neben der Haupthandlung noch weitere Erzählstränge bestehen, welche die Nebenhandlung bilden. Jeder dieser Erzählstränge besitzt seinen eigenen dramaturgischen Aufbau, der mehr oder weniger stark ausgeprägt sein kann. Erwähnenswert ist dabei, dass die Klimax einer Nebenhandlung keineswegs zeitgleich mit der Klimax der Haupthandlung stattfinden muss. Es kann sogar deutlich interessanter sein, wenn eine Nebenhandlung bereits in der Mitte der Geschichte ihren Höhepunkt entfaltet, um durch ihre Auswirkungen der Haupthandlung eine etwas andere Richtung zu geben. Eine zweite Nebenhandlung könnte so positioniert sein, dass aus ihrem Klimax der zweite Wendepunkt der Haupthandlung ensteht, der diese wiederum auf das alles übertreffende Finale hinlenkt.

Wo sind die Beats?

Nachdem wir die Dramaturgie überprüft haben, die den gesamten Film betrifft, sollten wir nun weiter ins Detail gehen und uns ansehen, wie gut die einzelnen Szenen und deren untergeordnete dramaturgische Einheiten funktionieren. Der Kernpunkt einer solchen Einheit ist der "Beat". Das Wort Beat bezeichnet dabei den Moment, in dem nach dem Aufbau einer Drucksituation etwas passiert, das nicht mehr umkehrbar ist. Dies kann ein äußerer Umstand sein (die Tankanzeige eines Autos steht am untersten Ende, schließlich versagt der Motor und der Fahrer muss zu Fuß weitergehen) oder die Veränderung der Gefühlslage eines Charakters (nach einem eskalierenden Streit eines Ehepaars verhärten sich die Fronten). Eine Szene kann, je nach Länge, einen oder mehrere Beats enthalten. Sie dienen dazu, Interesse zu wecken und Spannung aufzubauen. Jeder Beat stellt eine Frage an den Zuschauer, die ihn beschäftigt und verhindert, dass er sich gelangweilt fühlt. In den oben genannten Beispielen würden diese Fragen "Wird er es trotzdem an sein Ziel schaffen?" und "Werden sie sich wieder vertragen?" lauten. Nicht jeder Beat hat das gleiche Gewicht - manche Konsequenzen treffen den Protagonisten sehr hart, andere weniger. Es macht Sinn, auch im Szenenaufbau so vorzugehen, dass sich die Intensität der Beats steigert.

Das Streben der Geschichte in Richtung eines Höhepunkts lässt sich also auf mehreren Ebenen betreiben:

1. Innerhalb der kleinsten dramaturgischen Einheit steuert das Geschehen auf den Beat zu.
2. Innerhalb einer Szene steigt die Gewichtung der Beats bis hin zum schwerwiegendsten, der den Höhepunkt der Szene darstellt
3. Innerhalb eines Handlungsstrangs steuert die Abfolge der Szenen auf seine eigene Klimax zu.
4. Innerhalb der Gesamtstruktur der Filmproduktion steuert die Abfolge der Szenen aller Handlungsstränge auf die Klimax der Haupthandlung zu.

Kontraste nutzen

Wenn wir die Wirkung einzelner Szenen oder Handlungen verstärken wollen, empfiehlt es sich, kontrastierende Elemente zu nutzen. Ein Kontrast kann auf verschiedensten Ebenen gebildet werden. Ganz offensichtlich wäre der Schnitt von einer Tagszene zu einer Nachtszene, oder von einer Innenszene zu einer Außenszene. Auch die Stimmung kann kontrastieren (beispielsweise von intim und liebevoll zu aggressiv und öffentlich), genauso wie die Verwendung von Dialog (von Stille zu großem Stimmgewirr) oder allgemein die Geschwindigkeit der Erzählung (von der Darstellung einer wilden Verfolgungsjagd zur Beobachtung eines in sich gekehrten Protagonisten). Die Geräuschkulisse kann sich von leise zu laut wandeln, oder zwei konträre Themen (beispielsweise ein Mord und eine fröhliche Familienfeier) können sich aneinander reihen. Besondere Wirkung kann gerade auch durch einen Wechselschnitt zwischen den beiden kontrastierenden Ebenen erreicht werden. Die gerade genannte Familienfeier bekommt eine ganz andere Bedeutung, wenn wir sehen, dass der Familienvater bei einem Raubüberfall ums Leben kommt, während seine Angehörigen fröhlich lachend den Abend genießen und darauf warten, dass er von der Arbeit kommt.

Der seelische Absturz einer Person kann uns viel betroffener machen, wenn wir ihn vorher wiederholt als lebensbejahenden Menschen kennengelernt haben. Der geheime Alkoholismus eines Menschen ist umso schockierender, wenn wir ihn zuvor in seiner Arbeit als Redner für die Drogenprävention beobachten konnten. Durch Kontrastierung entfaltet die Filmproduktion eine Wirkung, die das übertrifft, was mit einem ständig gleich bleibenden Grundton erreicht werden könnte, und wecken das Interesse des Zuschauers immer wieder von Neuem.

Haben wir diese Überlegungen in unser Drehbuch eingearbeitet, ist die Optimierung der Dramaturgie abgeschlossen. Als nächstes werden wir uns Gedanken um die Charaktere, ihre Eigenschaften und die Dialoge machen. Wir werden uns mit den Stellen beschäftigen, an denen Drehbuch und Regie besonders stark aufeinander treffen - die wichtigen Andeutungen und Details, die mich am Anfang dazu veranlasst haben, das Drehbuch als Spitze des Eisbergs einer Filmproduktion zu bezeichnen. All das gibt es im fünften Teil zu lesen:

Filmproduktion (5) - Das Drehbuch, der Regisseur und die Schauspieler


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