FILMPRODUKTION (6) - AUF DEM WEG ZUR UMSETZUNG EINES DREHBUCHS

Datum: 22. Februar 2011 --- Autor: Daniel Kosig (Regie & Postproduktion)

Schritt für Schritt haben wir unser Drehbuch in den vorangegangenen Artikeln auf Schwächen überprüft, ausgebessert und uns Gedanken darum gemacht, welche Hinweise für den Regisseur und die Darsteller wichtig sind, um die Charaktere glaubhaft zum Leben zu erwecken. Überlegen wir nun abschließend, an welchen Stellen es Sinn macht, die Chronologie zu ändern oder weitere kleine Hinweise darauf zu geben, wie die filmische Umsetzung mit verschiedenen Gestaltungsmitteln umgehen sollte. Manche dieser Überarbeitungen werden für gewöhnlich vom Autor vorgenommen, andere häufig erst durch die Regie ergänzt. Auf keinen Fall schadet es jedoch, sich als Autor selbst Gedanken darum zu machen und gegebenenfalls etwas davon mit in das Drehbuch einfliessen zu lassen, bevor sich andere mit der Umsetzung befassen. Falls Sie die bisherigen Teile der Artikelreihe noch einmal lesen möchten oder dies noch nicht getan haben, können Sie es hier nachholen:

Filmproduktion (1) - Das Drehbuch, die Spitze des Eisbergs
Filmproduktion (2) - Drehbuch: Redundanz & mangelnde Homogenität
Filmproduktion (3) - Drehbuch: Fehlen von Momentum & Subtext
Filmproduktion (4) - Den dramaturgischen Aufbau überprüfen
Filmproduktion (5) - Das Drehbuch, der Regisseur und die Schauspieler

Dialoge mit Handlung gestalten

Optimalerweise kümmert sich der Autor um diesen Punkt. Wenn er es versäumt, liegt es an der Regie hier Nachbesserungen vorzunehmen. Situationen, die aus reinem Dialog bestehen, stellen in Romanform kein Problem dar. Bei einer Filmproduktion liegt die Sache etwas anders. Da unsere Augen ebenfalls unterhalten werden wollen und Gespräche, in denen die Beteiligten still und mit zusammengefalteten Händen auf ihren Stühlen sitzen, in der Realität eher selten sind, ist es sinnvoll, Dialoge im Großteil der Fälle mit Handlungen zu unterstützen. Zudem es manchen Darstellern hilft, eine glaubwürdigere Darstellung abzuliefern, wenn sie sich nicht nur zwanghaft auf den Text und die Intonation konzentrieren, sondern dabei durch eine Tätigkeit abgelenkt werden. Oft sind es Kleinigkeiten, die hier helfen. Beispiel: Ein Paar unterhält sich beim Frühstück. Während er die Zeitung durchblätter und seinen Kaffee umrührt, steht sie auf, um noch etwas aus dem Kühlschrank zu holen. Diese kleinen Details machen aus einem steifen Gespräch eine belebte Szene.

Eine zu diesem Zweck nutzbare Eigenheit der Menschen ist es zudem, dass sie ihre wahren Gefühle oftmals nicht aussprechen und diese stattdessen an anderen Objekten demonstrieren. Zum Beispiel die unzufriedene Ehefrau, die versucht einen glücklichen Eindruck zu machen und dabei gedankenverloren an ihrem Ehering spielt. Oder der genervte Angestellte, der zusätzliche Akten bearbeiten muss und diese unsanft auf seinen Tisch knallt, statt seinem vor ihm stehenden Chef die Meinung zu sagen.

Wenn möglich, Gespräche durch Bilder ersetzen

Dies ist nun ein Punkt, an dem sich die Geister scheiden. Einem Quentin Tarantino zu sagen, dass er seine Dialoge durch Bilder ersetzen soll, würde vermutlich nur mit einem ungläubigen Blick quittiert werden, da die Gestaltung der Gespräche das Herzstück seiner Filmproduktionen darstellt. Sofern wir uns aber nicht sicher sind, ob unsere Dialoge wirklich ausgefeilt und brilliant sind, ob sie nicht zu viel erklären, was auch anders gezeigt werden könnte, sollten wir jedes Gespräch darauf prüfen. Bilder sagen oft mehr als tausend Worte und vermitteln viel schneller Emotionen. Zudem ist es ein Privileg des Films, Dinge nicht nur über die Sprache ausdrücken zu können, sondern visuell darzustellen - viel deutlicher als es ein Theaterstück könnte. Dieses Privileg zu haben, bedeutet, sich zumindest mal Gedanken darum zu machen, ob man es nicht auch nutzen sollte.

Chronologie und Zeitabläufe überdenken

Auch hier kann der Autor bereits aktiv werden. In Fällen, in denen eine durcheinander gebrachte oder umgekehrte Chronologie in der Erzählung von entscheidender Bedeutung ist (z.B. in "Pulp Fiction" von Quentin Tarantino oder "Irreversible" von Gaspar Noe), muss es sogar fast zwangsläufig bereits im Drehbuch fest stehen. In anderen Fällen ist es vielleicht die Idee des Regisseurs, zwei Szenen der Filmproduktion im Wechselschnitt miteinander zu kombinieren, oder im Schnittprozess wird deutlich, dass eine Umstellung der Zeitabläufe mehr dramatische Intensität mit sich bringt. Ein häufiger eingesetztes Mittel ist beispielsweise, eine außergewöhnliche Szene vom Ende der Geschichte an den Anfang des Films zu stellen und damit direkt die Frage aufzuwerfen, wie es zu dieser Situation kommen konnte.

Die Zeitabläufe können auch manipuliert werden, ohne dass die Chronologie dadurch beeinflusst wird. In vielen Fällen ist es der Regisseur, der sich dazu entscheidet, bestimmte Momente in ihrer Länge zu strecken (z.B. durch den Einsatz von Slow Motion oder das mehrfache Schildern des selben Sachverhalts aus verschiedenen Blickwinkeln) und andere zu verkürzen (durch Zeitraffer, Jump Cuts oder das Weglassen unwichtiger Elemente aus der finalen Schnittfassung). Alfred Hitchcock sah dieses Spielen mit der Zeit, besonders in Verbindung mit einem Wechsel in der Schnittfrequenz, als eine der Hauptaufgaben eines Regisseurs an.

Gestaltung des visuellen Erscheinungsbilds

In einem professionellen Drehbuch ist es nicht üblich, Anweisungen an die Kamera zu geben. Dieser Punkt in der Gestaltung wird definitiv dem Regisseur in Zusammenarbeit mit seinem Kameramann überlassen. Natürlich gibt es aber Möglichkeiten, unterschwellig anzudeuten, wie genau das Bild an einer Stelle aussehen soll. Wenn sich der Text intensiv mit den Gefühlsregungen im Gesicht eines Charakters beschäftigt, ist es wahrscheinlich, dass der Regisseur und der Kameramann in der Inszenierung an dieser Stelle eher zu einer Nah- oder sogar Großaufnahme greifen werden, als zu einer distanzierten Totalen.

Abgesehen davon können viele weitere Hinweise darauf gegeben werden, welcher visuelle Eindruck das Bild der Filmproduktion später dominieren soll. Angefangen von Schilderungen über Art und Farblichkeit von Kostümen und Requisite, aus denen die entsprechenden Departments später die benötigten Informationen für ihre Arbeit ziehen, bis hin zu allgemeinen Beschreibungen der vorherrschenden Stimmung ("Das orangene Licht der Straßenlaternen dringt durch die Vorhänge in das abgedunkelte Zimmer"), können eine große Menge Anweisungen im Text untergebracht werden. Wie bereits mehrfach erwähnt, ist das Drehbuch die Spitze des Eisbergs - und der Autor hat die Möglichkeit, den an den Dreharbeiten Beteiligten zu vermitteln, welche Gestalt der Eisberg unter der Wasseroberfläche besitzt.

Gestaltung der auditiven Ebene

Sehr wichtig für die Wirkung eines Filmes ist zudem die auditive Ebene. Ich selbst bin überzeugt, dass sie 50 Prozent des Erlebnisses ausmacht. Ein großer Teil davon entzieht sich der Bestimmung des Drehbuchautors, wie zum Beispiel die musikalische Untermalung oder das genaue Klangbild einzelner Geräusche. Sehr wohl lassen sich aber auch hierfür zumindest Andeutungen geben. Im Drehbuch kann der immense Straßenlärm erwähnt werden, unter dem ein wütendes Gespräch stattfindet, oder es werden die kalten metallischen Klänge auf einem Güterbahnhof geschildert, wenn die Ermittler ein weiteres Mordopfer finden. Der Gebrauch solcher Klangkulissen beeinflusst das Gefühlsleben der Zuschauer in großem Maß, die richtige Platzierung bedeutungsvoller Geräusche kann also durchaus auch in schriftlicher Form bereits fest gehalten werden.

Mit diesen - auf andere Bereiche der Filmproduktion hinführenden - Gedanken schließt unsere Artikelreihe über den Überarbeitungsprozess eines Drehbuchs nun ab. Natürlich beziehen sich viele der genannten Empfehlungen zur Überarbeitung eher auf Drehbücher für Spielfilmproduktionen. Dennoch lassen sie sich in gewissem Maß auch auf andere Bereiche anwenden, wie die Produktion von Musikvideos oder Imagefilmen und Werbespots. Sollten Sie weitere Fragen oder Interesse an einer Zusammenarbeit mit uns haben, nehmen Sie einfach Kontakt mit uns auf, wir stehen Ihnen gerne zur Verfügung.


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