FILMPRODUKTION (5) - DAS DREHBUCH, DER REGISSEUR UND DIE SCHAUSPIELER
Datum: 14. Februar 2011 --- Autor: Daniel Kosig (Regie & Postproduktion)
Nachdem wir zuerst geklärt haben, welche Fehler beim Schreiben eines Drehbuchs vermieden und gegebenenfalls ausgebessert werden sollten, und im zweiten Schritt unsere Erzählstruktur überprüft und optimiert haben, werfen wir nun einen Blick auf die Stellen der Geschichte, die direkte Schnittpunkte zur Arbeit des Regisseurs und der Schauspieler bilden, wenn sie den Film und die darin beschriebenen zwischenmenschlichen Beziehungen in all ihren Nuancen realisieren wollen. Falls Sie die bisherigen Teile der Artikelreihe noch einmal lesen möchten oder dies noch nicht getan haben, können Sie es hier nachholen:
Filmproduktion (1) - Das Drehbuch, die Spitze des Eisbergs
Filmproduktion (2) - Drehbuch: Redundanz & mangelnde Homogenität
Filmproduktion (3) - Drehbuch: Fehlen von Momentum & Subtext
Filmproduktion (4) - Den dramaturgischen Aufbau überprüfen
Die nachfolgend beschriebenen Überlegungen zu den Charakteren, ihren Beziehungen zueinander und den Dialogen, die sie führen, wirken sich auf der Oberfläche oftmals nur subtil auf das Erscheinungsbild eines Drehbuchs aus. Die Informationen, die damit vermittelt werden, finden sich meistens hier und da verteilt im Text wieder, statt den Leser mit der Nase darauf zu stoßen. Es sind kleine Hinweise, die eine große gedankliche Vorarbeit des Autors erfordern. Doch so klein die Details auch sind, so wichtig sind sie für ein stimmiges Gesamtbild der Filmproduktion. Es ist die Pflicht des Autors, seine Geschichte und seine Charaktere über die im Drehbuch beschriebenen Ereignisse hinaus zu kennen und dieses Wissen immer wieder einzustreuen, damit das Geschehen nicht flach wirkt. Es ist die Aufgabe des Regisseurs, diese kleinen Hinweise zu erkennen und mit ihrer Hilfe Anweisungen an die Darsteller geben zu können.
Dreidimensionale Charaktere
Beschäftigen wir uns zuerst mit den Dingen, die eine erschaffene Figur auszeichnen und mit Leben füllen. Man spricht in diesem Zusammenhang von dreidimensionalen Charakteren, weil drei verschiedene Informationsebenen benötigt werden, um eine Figur "rund" und authentisch erscheinen zu lassen.
1. Psyche: Ist er gutmütig, jähzornig oder vielleicht ein abgebrühter Verhandlungspartner, dessen scharfzüngige Bemerkungen von allen gefürchtet und bewundert werden?
2. Soziales: Wurde er streng erzogen, kommt er aus reichem Haus oder haben ihn seine Freunde in die Drogenszene eingeführt? Ist er seit langer Zeit arbeitslos oder ein nach oben strebender Politiker?
3. Physis: Trägt er gerne Hawaii-Hemden oder maßgeschneiderte Anzüge? Ist seine Körperhaltung zusammengesunken und schüchtern oder drückt sie großes Selbstbewusstsein aus? Sind seine Hände von harter körperlicher Arbeit gezeichnet oder hat er sich eine Glatze rasiert, um seinen Haarausfall zu kaschieren?
Diese drei Bereiche wirken jeweils aufeinander ein und hängen deshalb unmittelbar zusammen. Unsere sozialen Kontakte haben Einfluss auf unsere Psyche, unsere Psyche entscheidet wiederum, ob wir die Motivation dazu haben, regelmäßig Shoppen zu gehen, um modisch aktuell zu bleiben. Unser äußeres Erscheinungsbild entscheidet oft, von welchen sozialen Kreisen wir akzeptiert werden, usw.
Davon abgesehen ist es sinnvoll, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass sich Menschen und damit auch die Charaktere in einer Filmproduktion zu einem großen Teil über ihre Mängel definieren. Aus einem Mangel entsteht ein Bedürfnis zur Änderung, aus einem Bedürfnis zur Änderung entsteht eine Tat, Taten zeigen anderen, wer wir sind. Das heißt keinesfalls, das jeder Mensch ständig aggressive und zerstörerische Handlungen vornimmt, weil er mit seiner Situation unzufrieden ist.
Sehr oft kann sich ein Mangel auch in nach außen hin positiven Verhaltensweisen niederschlagen. Man ist besonders nachsichtig mit einem Menschen, dem man in der Vergangenheit zu Unrecht weh getan hat. Man gründet eine Hilfsorganisation, weil man die Probleme in der Welt nicht mit ansehen kann. Man schminkt sich, damit der Angebetete die Hautunreinheiten nicht erkennen kann, die wir an uns so störend finden.
Auf der anderen Seite gibt es die Möglichkeit, sich von einem Menschen zu distanzieren, weil man sich selbst nicht die eigene Schuld eingestehen möchte, die man mit einer falschen Tat auf sich geladen hat. Man schließt sich einer militanten Widerstandsbewegung an, weil man die sozialen Ungerechtigkeiten nicht erträgt. Oder man versucht den Angebeteten mit dominantem Gruppenverhalten von den eigenen körperlichen Mängeln abzulenken. All diese Eigenschaften und Handlungsweisen zeichnen echte Menschen genauso wie glaubwürdige Charaktere in einer Filmproduktion aus.
Jede Szene wird getrieben vom Wollen des Einen und dem Verweigern des Anderen
Aus den Charakteren entsteht eine Richtlinie für die Handlungen, die wir in unserem Drehbuch beschreiben. Denn jede Aktion, die ein Mensch ausführt, dient der Befriedigung eines Bedürfnisses. Selbst wenn wir nur belanglosen Unsinn mit unserem Partner reden, ist es Ausdruck eines Strebens nach Harmonie. Wenn wir Tag für Tag zur Fließbandarbeit in eine Fabrik fahren, entspricht diese Arbeit im Speziellen vielleicht nicht unseren inneren Bedürfnissen nach kreativer Entfaltung, wohl aber dem Bedürfnis nach einem geregelten Einkommen, um unsere materiellen Wünsche zu finanzieren. Sobald wir einen Charakter entworfen und wirklich kennengelernt haben, kennen wir seine Bedürfnisse und damit auch seine Handlungen.
Dieser Punkt ist entscheidend für die Dramaturgie, die in einer Geschichte entstehen soll. Spannung kommt genau dann auf, wenn Bedürfnisse nicht einfach erfüllt werden können, sondern dafür Hindernisse überwunden werden müssen. Dem Wollen des Einen steht also ein Verweigern des Anderen gegenüber. Der Andere kann zum Beispiel die Ehefrau sein, die bezüglich der Urlaubsplanung ganz andere Vorstellungen hat, als ihr Mann. Oder es ist die rohe Gewalt eines Sturmes, der über den einsamen Auswanderer hinweg fegt, welcher in der Natur Frieden und Entspannung finden wollte. Je größer die Hindernisse sind, die sich einem Charakter in den Weg stellen, desto spannender wird es, ihm dabei zuzusehen, wie er um das Erreichen seines Ziels kämpft und desto stärker erscheint er uns, wenn er es schließlich geschafft hat.
Verschiebung der Machtverhältnisse
Sobald mehrere Figuren bzw. Parteien in einer Szene auftauchen, wird in den meisten Fällen eine Rangordnung klar (wie oben beschrieben, muss es sich dabei nicht immer um eine Person handeln, beispielsweise die Natur oder eine innere Stimme kann ebenfalls eine Partei darstellen). Es gibt diejenigen, die handeln und diejenigen, die folgen oder sich ihnen entgegenstellen, bis der Kampf um die Vormacht ausgetragen ist. Die einen laufen geradeaus in eine Richtung, die anderen müssen ausweichen, wenn sie ihnen in die Quere kommen. Vom dramaturgischen Standpunkt aus gesehen, ist es besonders interessant, wenn sich diese Machtverhältnisse im Laufe der Zeit verschieben. Die daraus entstehenden Konflikte erzeugen unweigerlich Spannung, die dabei hilft, den Zuschauer an das Geschehen zu fesseln. Es kann ein "kalter Krieg" sein, der subtil zwischen den Parteien ausgetragen wird, bis es am Ende zu einer Klärung der Fronten kommt oder auch ein offener Schlagabtausch, bei dem mal der Eine, mal der Andere die Oberhand gewinnt.
Innere Konflikte nach außen tragen
Konflikte, die im Rahmen des Drehbuchs einer Filmproduktion beschrieben werden, unterscheiden sich in einer Hinsicht deutlich von denen, die ein Autor beim Schreiben eines Romans schildern würde: Als Zuschauer können wir die Gedanken der handelnden Charaktere nicht lesen. Es ist uns also unmöglich, einen Blick in ihr Inneres zu werfen, wenn die dort stattfindenden Prozesse nicht zumindest als Andeutung nach außen getragen werden. Natürlich gibt es die Möglichkeit, die Gedanken eines Charakters als Voice Over sprechen zu lassen - in vielen Fällen ist dies aber kein geeignetes Stilmittel.
Wenn man also ohne Voice Over arbeiten möchte, ist es notwendig, innere Konflikte entweder subtil über die Mimik und die Körpersprache zu signalisieren, oder, wenn man sie deutlicher "ausformulieren" will, daraus äußere Konflikte werden zu lassen. Das heißt, dass der Charakter in Interaktion mit einem anderen Charakter oder mit seiner Umwelt tritt und dabei sein Seelenleben offenbart. Er kann sich bei einem Freund Ratschläge einholen oder seinen Konflikt komplett nach außen projizieren, indem er beispielsweise aus Frust einen Streit mit einer eigentlich unbeteiligten Person beginnt. Die letzte Möglichkeit besitzt dabei den höchsten dramaturgischen Wert für eine Filmproduktion, da wir nicht zu viel erklären (es wird nur die nach außen getragene Auswirkung seines inneren Konflikts gezeigt, wodurch der Zuschauer selbst Rückschlüsse auf sein Innenleben ziehen kann) und noch dazu einen zweiten Konflikt erzeugt haben, der zusätzliche Spannung mit sich bringt.
Überprüfen der Dialoge
Als nächstes sollten wir einen Blick darauf werfen, was unsere Charaktere im Laufe des Drehbuchs aussprechen und auf welche Weise sie dies tun. Schnell passiert es, dass sich ein zu komplexer Satzbau oder eine lupenreine Grammatik einschleicht, die für einen geschriebenen Text zwar Sinn machen, in unseren Alltagsgesprächen aber öfters mal vernachlässigt werden. Ein geeignetes Mittel ist es, diese Dialoge laut vorzulesen, am Besten mit einem Partner zusammen. Unnatürlich klingende Stellen fallen auf diese Weise sehr schnell ins Auge. Um sie zu verbessern, ist es sinnvoll, anderen und sich selbst aufmerksam zuzuhören, wenn wir im wahren Leben Gespräche führen. Elemente, die dabei oft zum Vorschein kommen werden, sind unter anderem:
1. Elliptische (also verkürzte) Satzbauten in denen Subjekt, Verb oder Objekt fehlt (z.B. "Nein. Mach ich nicht.")
2. Grammatikalische Umstellungen, in denen wir das zuerst aussprechen, was uns zuerst in den Sinn kommt (z.B. "Wie findest Du das?" - "Super find ich das!")
3. Momente, in denen wir aneinander vorbei reden oder das, was der andere sagt, komplett ignorieren, um unseren eigenen Gedankengang fortzuführen.
4. Gedankensprünge im Redefluss, bei denen wir unerwarteterweise die Thematik wechseln.
Dazu kommt, dass jeder Mensch eine mehr oder weniger eigene Art und Weise hat, Dinge zu formulieren. Sei es ein Dialekt, ein besonders hochgestochener Satzbau, undeutliche Aussprache oder auch nur die häufige Verwendung bestimmter Wörter und Redewendungen. Unterschiede in der Sprechweise verschiedener Charaktere herauszuarbeiten, macht diese leichter differenzierbar und auch glaubwürdiger, selbst wenn die Eigenheiten nur sehr subtil zum Vorschein treten.
Ebenfalls sehr wichtig für das Schreiben von Dialogen - und deren spätere Umsetzung durch Regie und Schauspieler - ist die Verwendung von Subtext. Mehr zu diesem Thema finden Sie im dritten Teil dieser Artikelreihe:
Filmproduktion (3) - Drehbuch: Fehlen von Momentum & Subtext
Nachdem wir nun einen Blick auf die Bereiche geworfen haben, welche die gemeinsame Arbeit des Regisseurs und der Schauspieler bei der Umsetzung eines Drehbuchs besonders beeinflussen, gehen wir im nächsten Teil noch einen Schritt weiter und stellen Überlegungen an, welche weiteren Details entweder vom Autor eingestreut oder vom Regisseur "dazugedichtet" werden sollten, um am Ende eine durch und durch stimmige Filmproduktion in den Händen zu halten. Zu Lesen gibt es das Ganze im sechsten Teil:
Filmproduktion (6) - Auf dem Weg zur Umsetzung eines Drehbuchs